Die LibreOffice‑Community erlebt derzeit eine tief gehende Krise, deren Kern die Entscheidung der Document Foundation (TDF) ist, mehr als 30 langjährige Entwickler und Gründungsmitglieder aus ihren Gremien auszuschließen. Betroffen sind vor allem Personen, die seit der Entstehung von LibreOffice 2010/2011 maßgeblich an der Entwicklung und Organisation des Projekts beteiligt waren.
Ursprung des Konflikts
Am Ausgangspunkt des Streits steht ein Rechtsstreit zwischen der Document Foundation und Collabora, einem der wichtigsten kommerziellen Entwickler‑ und Dienstleisterpartner von LibreOffice. Collabora beschäftigt zahlreiche Entwickler, die gleichzeitig in der Community‑Gremien‑Struktur der TDF aktiv sind.
Die Document Foundation hat 2026 neue Community‑Bylaws verabschiedet, die festlegen, dass Personen keine Mitgliedschaft in Gremien innehaben dürfen, deren Arbeitgeber sich in einem laufenden Rechtsstreit mit der Stiftung befinden . Diese Regelung wurde nun konsequent angewandt und führte zur Entfernung der betroffenen Entwickler aus Mitgliedsgremien und Community‑Organen.
Auswirkungen auf das Projekt
Viele Beobachter sehen in dieser Maßnahme eine Eskalation, weil die ausgeschlossenen Personen nicht nur technisch, sondern auch historisch zentrale Rollen spielen. Mehrere von ihnen wirkten schon bei OpenOffice.org mit und haben den Übergang zur LibreOffice‑Plattform entscheidend mitgestaltet.
Es werden daher Befürchtungen laut, dass die technische Kontinuität und Governance‑Stabilität von LibreOffice unter Druck geraten könnten. Gerade die engen Verbindungen zwischen Community‑Entwicklern und kommerziellen Akteuren wie Collabora hatten bisher als Schlüssel zur agilen Weiterentwicklung der Suite gegolten.
Offizielle Linie und Kritik
Die Document Foundation betont weiterhin ihre ursprüngliche Mission: LibreOffice als frei zugängliche Office‑Suite zu erhalten, unabhängig von einzelnen Unternehmen oder kommerziellen Interessen. Die Stiftung verweist auf transparente Governance‑Strukturen und auf die Mitbestimmung durch ihre Mitglieder, die 2011 als Kernelement der Gründung formuliert wurde.
Gleichzeitig kritisiert ein Teil der Community, dass die aktuelle Anwendung der neuen Bylaws geradezu paradox wirkt: Die Stiftung, die einst gegründet wurde, um die Unabhängigkeit von großen Konzernen wie Oracle zu sichern, schließt nun genau die eigenen Gründungs‑ und Schlüsselfiguren aus, die für diese Unabhängigkeit gekämpft haben.
Fazit
Die Entscheidungen der Document Foundation markieren einen Scherbenhaufen im bisherigen Selbstverständnis der LibreOffice‑Community. Während die rechtliche und organisatorische Befugnis der Stiftung nicht grundsätzlich bestritten wird, bleiben Fragen offen, wie das Projekt seine technische Kompetenz, Governance‑Kultur und langfristige Attraktivität für Entwickler künftig sichern will.
Ob die Krise in eine neue, stabilere Governance‑Phase mündet oder zu einer weitergehenden Fragmentierung führt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen – nicht nur für LibreOffice‑Nutzer, sondern für die gesamte freie‑Software‑Landschaft.

Noch keine Reaktion