Es ist ein einzelner Vorfall, der wie ein Menetekel gewirkt hat: Im Frühjahr 2025 verhängten die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag. Als Folge verlor der Chefankläger des Gerichts den Zugriff auf zentrale Microsoft-Dienste wie seine E-Mail.
Für die niederländische Regierung, deren Sitz nur wenige Kilometer vom ICC entfernt liegt, war das ein Weckruf: Wenn ein einzelnes US-Unternehmen im Auftrag der US-Regierung einer internationalen Institution den digitalen Arbeitsplatz abschalten kann, dann gilt dasselbe Risiko im Prinzip für jede Behörde, die auf proprietäre amerikanische Software setzt. Sicherheitsforscher Victor Gevers brachte es gegenüber dem niederländischen Technikportal Tweakers auf den Punkt: Die Abhängigkeit von nicht-europäischen Technologien mache den Staat verwundbar – für Störungen von außen, für Kontrollverlust über eigene Daten, für Wissensverlust und für den Verlust strategischer Autonomie.
Ein Blick auf DAWO – Ein ambitioniertes Open-Source-Projekt
Die Antwort der Niederlande trägt den sperrigen Namen DAWO – kurz für Digitaal Autonome Werkomgeving Overheid, zu Deutsch etwa „Digitale autonome Arbeitsumgebung für die Regierung“. Das Projekt wird vom niederländischen Innenministerium (Ministerie van Binnenlandse Zaken en Koninkrijksrelaties, BZK) entwickelt.
Wichtig ist die richtige Vorstellung von der Größe des Vorhabens: DAWO ist keine einfache „Linux statt Windows“-Aktion. Es ist der Versuch, den gesamten digitalen Arbeitsplatz der Verwaltung neu zu denken – vom Betriebssystem über Büro- und Kollaborationssoftware bis hin zu Cloudspeicher, Backups, Geräteverwaltung und sogar KI-Anwendungen.
Im Juli 2026 erhielt das Projekt eine offizielle Grundlage: Die Interdepartementale Kommission für das Regierungshandeln (ICBR) erließ eine Richtlinie für eine standardisierte, souveräne digitale Arbeitsumgebung. DAWO ist damit kein Experiment mehr, sondern Regierungsauftrag.
Die Wahl von NixOS
Technisches Herzstück ist die Linux-Distribution NixOS. Die Wahl ist kein Zufall, sondern folgt konsequent der Souveränitätslogik: NixOS ist ein niederländisches Projekt, das in einem Paketmanager der Universität Utrecht entstand und nicht von einem einzigen Unternehmen kontrolliert wird. Die beiden Alternativen, die das Team zuvor testete, fielen genau daran durch: openSUSE wegen der Bindung an SUSE, Fedora wegen der Zugehörigkeit zu Red Hat und damit zum US-Konzern IBM.
Dazu kommt ein praktischer Vorteil, der für Behörden mit tausenden Endgeräten entscheidend ist: NixOS ist deklarativ. Jeder Arbeitsplatz wird als Code beschrieben, jede Änderung ist im Git-Repository nachvollziehbar, und Updates lassen sich sauber zurückrollen, statt Rechner manuell neu aufzusetzen. Das macht die Verwaltung großer Geräteflotten planbar und dokumentiert eine Eigenschaft, die klassische Windows-Rollouts selten bieten.
Offener Code auf eigener Infrastruktur
Konsequent ist auch, wie das Projekt seinen eigenen Code verwaltet: DAWO liegt vollständig offen auf der Regierungsplattform code.overheid.nl, die auf der freien Software Forgejo läuft. Die Entwicklung wurde inzwischen auf eine Codeberg-Instanz verlagert, um die Zusammenarbeit mit der Community zu erleichtern. Es knüpft damit an eine frühere niederländische Entscheidung an, das Hosting von Behördencode weg von GitHub und GitLab zu verlagern.
Die Bausteine des Projekts tragen eigene Namen: Die Bürosuite Mijn Bureau („Mein Büro“) bündelt Anwendungen für Dokumentenarbeit und Zusammenarbeit, die Verwaltungskonsole Sextant verwaltet die Geräteflotte. Die Laptops ziehen ihre Konfiguration direkt von dort.
Pilotbetrieb in den Gemeinden
Die Praxis läuft bereits. Nach Recherchen von Tweakers, die auf Interviews mit den DAWO-Entwicklern basieren, testet der Gemeindeverband VNG die Arbeitsumgebung in mehreren niederländischen Gemeinden; Berichte nennen namentlich Amsterdam, ’s-Hertogenbosch, Zaanstad und Ede, teils mit einen Pilot bis Ende 2026.
Die Entwickler betonen dabei, dass DAWO kein abgeschlossenes Fertigprodukt ist, sondern ein offener Bauplan – ein „Blueprint“ aus austauschbaren Bausteinen, an dem sich Regierungsstellen, Kommunen und die Open-Source-Community gemeinsam abarbeiten können. Die zugehörige Plattform DAWO.community versteht sich ausdrücklich als Ort, an dem Staat, Wirtschaft und Open Source zusammenarbeiten.
Ein europäischer Trend
Die Niederlande stehen mit diesem Vorhaben nicht allein da. DAWO ist bewusst so angelegt, dass es mit anderen europäischen Verwaltungslösungen zusammenarbeiten kann: OpenDesk aus Deutschland liefert Kollaborationssoftware, La Suite ist das französische Gegenstück. Frankreich entwickelt mit Sécurix ebenfalls einen Behördenrechner auf NixOS-Basis.
XDA Developers ordnet die niederländischen Pläne in eine breitere europäische Bewegung ein und verweist auf ähnliche Schritte in Dänemark, Frankreich und der Schweiz. Die Dynamics sind seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump spürbar gewachsen – die Debatte über „digitale Souveränität“ hat sich von einem Nischenthema zu einer Frage nationaler Sicherheitspolitik entwickelt.
Was noch zu tun ist
Eine stabile Version von DAWO soll nach Angaben der Entwickler voraussichtlich 2027 erscheinen. Ein verbindlicher Termin für die flächendeckende Ablösung von Windows existiert bislang nicht – die Verantwortlichen haben den Rollout bewusst schrittweise und vorsichtig angelegt.
Und die Herausforderungen sind erheblich: Die Kompatibilität mit bestehenden Fachanwendungen, die Migration von Daten und vor allem die Gewöhnung tausender Beschäftigter an eine neue Arbeitsumgebung sind Hürden, wie sie jede große Betriebssystem-Migration kennt.
Dennoch verdient das Projekt Beachtung – aus einem einfachen Grund: Es zeigt, dass digitale Souveränität keine Deklaration bleiben muss, sondern dass Regierungen sie bauen können, Baustein für Baustein, mit offenem Code und auf offener Infrastruktur.
Fazit
Europa steht im digitalen Zeitalter in einer Zwickmühle. Mehr als 80 Prozent der digitalen Technologien, Infrastrukturen und Dienstleistungen werden importiert – der Großteil davon aus den USA und China. Diese Abhängigkeit macht den Kontinent verwundbar für politische Einflussnahme, für wirtschaftlichen Druck und für den Verlust der Kontrolle über eigene Daten.
Die niederländischen Bemühungen um digitale Souveränität mit DAWO und NixOS sind mehr als ein nationales IT-Projekt – sie sind ein konkreter Baustein in einer europäischen Strategie, die Abhängigkeit von technologischen Supermächten wie den USA und China zu reduzieren. Denn die Herausforderung ist doppelt: Während US-Unternehmen wie Microsoft im geopolitischen Konfliktfall den Zugriff auf essentielle Dienste sperren können, birgt chinesische Technologie in kritischer Infrastruktur – etwa in Telekommunikationsnetzen – eigene Sicherheitsrisiken.
Titelbild: Image by brgfx on Magnific
Quellen:
- It’s FOSS – The Netherlands Built a Nix-Based Linux Desktop
- Tweakers-Recherche, zitiert nach WindowsForum
- XDA Developers – The Netherlands joins Europe’s gradual migration
- Cybernews – Dutch government builds Linux-based DAWO workspace
- Boing Boing – Dutch government to replace Microsoft Windows
- Dr. Web – NixOS statt Windows: Was baut die Regierung der Niederlande?
- code.overheid.nl – Offizielles DAWO-Repository (MinBZK)
- DAWO – Offizielle Projektseite des Innenministeriums
- DAWO.community – Community-Plattform
- News Directory 3 – Netherlands Moves Government Systems from Windows to Linux

7 Reaktionen
WOW – Danke für diesen tollen Bericht @zebolon
Klingt wirklich interessant und ich überlege schon länger, ob ich meine Rechner nicht auch auf NixOS umstellen soll.
Vielleicht wird es in den kommenden Wintertagen etwas.
Hallo @Daenerys,
danke für dein positives Feedback.
Bzgl. NixOS – Robert Gödl hat vor einiger Zeit mal über dieses OS einen Beitrag verfasst:
https://linux-bibel.at/index.php/2023/09/22/nixos-experimentierfreudiges-linux/
Ich persönlich favorisiere AlmaLinux und Debian, die mich beide schon lange begleiten. NixOS zum Testen ja, aber produktiv bleibe ich beim Bewährten…
es ist traurig das es 30 Jahre brauchte um zu erkennen, dass man abhängig ist.
Und die Erkenntnis dieser Erkenntnis: „Die Abhängigkeit ist aufzulösen.“ Aber die nächste Abhängigkeit ist noch viel gewaltiger. Wann wird man erkennen, dass unheimlich viel Kommunikation nicht mehr über PC-Hardware läuft, sondern über die kleinen praktischen Dinger in der Hosentasche.
Und welche Firmen haben da ein Monopol? Aus welchem Land sind sie? Richtig: US-Firmen namens Google und Apple. Ja und von wo kommt die Hardware?
Aber das ist derzeit nicht am Horizont. Wir portieren derzeit alles auf das Handy. Führerschein, Pass, Bank u.v.m. Inklusive Alarm-Meldungen. Und was würde passieren, wenn Google seine Server ausschalten würde?
Hoffen wir, dass die US-Orange auf keine dummen Ideen kommt.
@Juhu:
Du triffst einen wichtigen Punkt: Beim Desktop kann man mit Projekten wie DAWO und NixOS zumindest versuchen, Betriebssystem, Anwendungen und Infrastruktur unter eigene Kontrolle zu bringen. Beim Smartphone ist die Lage wesentlich schwieriger: Der europäische Markt wird praktisch von Android und iOS beherrscht, also von Google und Apple. Dazu habe ich ja vor kurzem mal einen Beitrag veröffentlicht:
https://linux-bibel.at/index.php/2026/07/23/mobiles-duopol-warum-echte-alternativen-fehlen/
Besonders widersprüchlich wird es, wenn künftig Führerschein, Ausweis, Bankzugang oder Warnmeldungen zwingend über ein Smartphone laufen, dessen Betriebssystem und zentrale Sicherheitsfunktionen von US-Unternehmen kontrolliert werden. Selbst eine europäische Identitäts-Wallet löst dieses Grundproblem zunächst nicht vollständig: Die deutsche EUDI-Wallet soll zwar ohne Google- oder Apple-Konto funktionieren, setzt aber weiterhin Android oder iOS voraus.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur, ob die App europäisch entwickelt wird, sondern ob sie auch auf einem unabhängigen, offenen und langfristig wartbaren mobilen Betriebssystem funktionieren kann. Eine digitale Identität, die nur auf Google- und Apple-Geräten zuverlässig läuft, wäre zwar datenschutzfreundlicher als eine Bindung an Google Wallet oder Apple Wallet – aber noch keine vollständige digitale Souveränität.
Und ja: Ein Abschalten kompletter Google-Server wäre sicher nicht das wahrscheinlichste Szenario. Schon politische Sanktionen, geänderte Nutzungsbedingungen, App-Store-Sperren oder der Ausfall zentraler Cloud- und Push-Dienste könnten jedoch erhebliche Folgen haben. Deshalb gehören zu echter Resilienz auch Offline-Funktionen, alternative Vertriebswege, mehrere Anbieter und analoge Ausweichmöglichkeiten. Sonst ersetzt man nur eine Abhängigkeit durch die nächste.
Sehr schön und lange überfällig. Trotzdem frage mich mich, warum so ein Projekt nicht zentral von der EU angestoßen und vorangetrieben wird. Wäre doch sicherlich sinnvoller als seltsame virtuelle 3D-Welten und ähnliches.
So riskiert man doch gleich wieder, dass die EDV der verschiedenen Staaten nicht richtig miteinander kommunizieren kann, der Datenaustausch wird erschwert usw……
Hallo @dau:
Der Einwand ist berechtigt. Ein rein nationales Vorgehen könnte tatsächlich zu neuen Insellösungen führen. Allerdings müssen nicht alle Staaten dasselbe Betriebssystem verwenden, solange sie gemeinsame offene Standards, Datenformate und Schnittstellen nutzen.
Die EU versucht mit dem Interoperable Europe Act bereits, genau dafür einen Rahmen zu schaffen. Er sieht unter anderem verpflichtende Interoperabilitätsprüfungen sowie den Austausch und die Wiederverwendung von Lösungen zwischen Behörden vor.
DAWO könnte daher ein Baustein und kein Gegenmodell zu einer europäischen Lösung sein. Wichtig wäre, dass Projekte wie DAWO, OpenDesk und französische Entwicklungen nicht unabhängig nebeneinander stehen, sondern gemeinsame Standards verwenden und Code sowie Sicherheitslösungen teilen.
Der sinnvollste Weg wäre deshalb vermutlich kein zentral vorgeschriebenes EU-Betriebssystem, sondern eine europäische gemeinsame Basis: Offene Standards, interoperable Schnittstellen, transparente Entwicklung und dauerhafte Finanzierung. Dann könnten die einzelnen Länder ihre Arbeitsumgebungen anpassen, ohne dass der Datenaustausch darunter leidet.
„Der sinnvollste Weg wäre deshalb vermutlich kein zentral vorgeschriebenes EU-Betriebssystem, sondern eine europäische gemeinsame Basis: Offene Standards, interoperable Schnittstellen, transparente Entwicklung und dauerhafte Finanzierung. Dann könnten die einzelnen Länder ihre Arbeitsumgebungen anpassen, ohne dass der Datenaustausch darunter leidet.“
Genau das meine ich doch. Es geht ja schon in Deutschland los: im Grund haben doch die Städte, Gemeinden und Behörden im ganzen Land (teilweise in ganz Europa) ähnliche Bedürfnisse, weil sie ähnliche Aufgaben bewältigen müssen. Warum also keinen Baukasten bereitstellen, aus dem jeder sich das zusammenstellen kann, was er braucht und zu seinen speziellen Regeln passt? Mit MS ist es ja auch möglich, da kommen diverse Standartwerkzeuge überall zur Anwendung. Da wären manche der neuen Module wahrscheinlich sogar für Firmen brauchbar.
Wenn es OpenSpource ist, ist es leichter, Anpassungen vorzunehmen oder gleich neue Module hinzuzufügen. Und die ITler würden dann eben kein MS-Zertifakt erwerben, sondern ein entsprechend anderes – das wäre doch Jacke wie Hose, die Jobs blieben erhalten.
Das alles würde den Umstieg auf allen Ebenen deutlich vereinfachen. Heute bastelt jede Stadt und jedes Bundesland an eigenen Lösungen, weil wir halt lieber die Spiele-Industrie subventionieren als brauchbare Dinge.