Die Schweizer Bundesverwaltung hat im September 2026 einen weiteren Schritt in Richtung digitale Souveränität unternommen: Nach einer erfolgreichen Machbarkeitsprüfung startet die Bundeskanzlei ein Programm, um eine Open‑Source‑Arbeitsplatzumgebung parallel zu Microsoft 365 aufzubauen und bis Ende 2027 rund 3.000 Mitarbeitenden zur Verfügung zu stellen. Der Pilot ist kein sofortiger Komplettwechsel, sondern eine strategische Absicherung – mit dem langfristigen Ziel, die Abhängigkeit von einem einzigen ausländischen Cloud‑Anbieter zu verringern.
Warum die Schweiz handelt
Die Initiative folgt auf jahrelange Debatten über digitale Souveränität, Datenschutz und Lieferantenabhängigkeit. Zentrale Treiber sind der US Cloud Act, der theoretisch Fremdzugriffe auf in US‑Clouds gespeicherte Daten ermöglichen kann, sowie die Sorge vor steigenden Lizenzkosten und mangelnder Verhandlungsmacht gegenüber globalen Tech‑Konzernen. Bereits im April 2026 bestätigte die Bundeskanzlei gegenüber Medien, dass die Bundesverwaltung ihre Microsoft‑Abhängigkeit „schrittweise und langfristig“ reduzieren wolle.
Parallel dazu hat der Bundesrat digitale Souveränität 2025 zum strategischen Schwerpunkt erklärt. 2024 trat das EM BAG in Kraft, das unter anderem vorsieht, von der Bundesverwaltung entwickelte Software grundsätzlich als Open Source zu veröffentlichen. Der aktuelle Pilot ist somit keine isolierte IT‑Entscheidung, sondern Teil einer breiteren Staatsstrategie.
Die Technologie: openDesk als Kernstück
Im Zentrum des Programms steht openDesk, eine quelloffene Arbeitsumgebung des deutschen Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS), das vollständig im Eigentum der öffentlichen Hand steht. Die Suite bündelt bewährte Open‑Source‑Komponenten für typische Büroaufgaben: E‑Mail und Kalender (Open‑Xchange), Dateispeicher und Kollaboration (Nextcloud), Audio‑ und Videokonferenzen (Jitsi) sowie Instant Messaging (Element). Ziel ist es, die Office‑Kernfunktionen – Dokumente, Präsentationen, Kommunikation und Zusammenarbeit – souverän und kontrollierbar abzudecken.
Wichtig ist der Betriebsmodus: Die neue Lösung soll als eigenständige Plattform parallel zu Microsoft 365 laufen, nicht als sofortiger Ersatz. Das erlaubt einen risikogesteuerten Aufbau, das Testen kritischer Prozesse und die Entwicklung einer echten Exit‑Option, falls Microsoft 365 ausfällt oder nicht mehr den Sicherheitsanforderungen entspricht.
Vom Proof of Concept zum Pilot: Was die Tests zeigten
Basis des Programms ist der PoC BOSS („Büroautomation mit Open‑Source‑Software“), an dem 172 Mitarbeitende aus verschiedenen Departementen teilnahmen. Die Rückmeldungen waren grundsätzlich positiv: Kernfunktionen wie Dokumentbearbeitung und E‑Mail wurden als geeignet bewertet. Gleichzeitig traten Grenzen zutage – insbesondere bei grossen Videokonferenzen zeigten sich Kapazitäts‑ und Stabilitätsprobleme. Diese Erkenntnisse fließen nun in den Pilot ein, der schrittweise ausgeweitet wird
Umfang, Zeitplan und Finanzierung
Der Pilot richtet sich an ausgewählte Mitarbeitende in besonders kritischen Geschäftsprozessen verschiedener Departemente sowie der Bundeskanzlei. Bis Ende 2027 soll die souveräne Arbeitsplatzlösung für rund 3.000 Nutzerinnen und Nutzer bereitstehen. Die erste Phase kostet schätzungsweise 9 Millionen Franken; die Finanzierung erfolgt über parlamentarisch bewilligte Mittel für den Aufbau einer souveränen Schweizer Open‑Source‑Plattform für die Büroautomation.
Ob die Lösung später auf die gesamte Bundesverwaltung mit über 54.000 Arbeitsplätzen ausgeweitet wird, bleibt offen und hängt vom Erfolg des Pilots ab. Die Formulierung der Behörden ist bewusst vorsichtig: Es gehe um Machbarkeit, Risikominimierung und den Aufbau einer echten Alternative – nicht um eine ideologische Absage an kommerzielle Software.
Vorreiter Militär: Das Cyber Command zieht schneller nach
Während die zivile Verwaltung einen gestuften Ansatz verfolgt, macht das Militär bereits Tempo: Das Kommando Cyber der Schweizer Armee stellt bis Oktober 2026 auf openDesk um. Betroffen sind zunächst besonders schützenswerte Identitäten innerhalb des Cyber Commands; anschliessend sollen weitere Cybereinheiten folgen. Als Gründe werden der hohe Schutzbedarf, der US Cloud Act und klassifikatorische Anforderungen genannt, die eine US‑Cloud‑Plattform für bestimmte militärische Zwecke unattraktiv machen.
Einordnung im europäischen Kontext
Die Schweizer Initiative reiht sich in eine europäische Bewegung ein, in der Verwaltungen Open‑Source‑Alternativen prüfen oder bereits einführen. Beispiele sind Schleswig‑Holstein, das einen Grossteil seiner Arbeitsplätze migriert hat, oder Frankreichs Gendarmerie mit Zehntausenden Linux‑Arbeitsplätzen. Auch Dänemark testete 2025 einen Pilot mit einer LibreOffice‑basierten Plattform. Gemeinsam ist diesen Projekten das Ziel, Handlungsfähigkeit, Sicherheit und Kostenkontrolle zu stärken – ohne dabei auf bewährte Funktionen verzichten zu müssen.
Chancen und Herausforderungen
Zu den Chancen zählen eine reduzierte Lieferantenabhängigkeit, mehr Kontrolle über Daten und Infrastruktur sowie langfristig potenziell stabilere Kostenstrukturen. Zudem stärkt Open Source die Cyberresilienz, wie auch Pilotprojekte des National Cyber Security Centre (NCSC) zeigen, die gezielt Open‑Source‑Software auf Sicherheitslücken prüfen.
Herausforderungen liegen in der Benutzerakzeptanz, der Integration in bestehende Prozesse und der Performance bei anspruchsvollen Szenarien wie Gross‑Videokonferenzen. Hinzu kommt der Aufbau von Support‑ und Betriebskapazitäten, damit die neue Plattform im Alltag genauso zuverlässig funktioniert wie etablierte Lösungen.
Fazit – Ein pragmatischer Weg zur digitalen Souveränität
Der Schweizer Pilot ist kein radikaler Bruch, sondern ein durchdachter, evidenzbasierter Schritt: Erst Machbarkeit prüfen, dann in kritischen Bereichen parallel betreiben, schliesslich entscheiden, ob und wie breit skaliert wird. Damit positioniert sich die Schweiz als Staat, der digitale Souveränität nicht als Symbolpolitik, sondern als konkrete Risikovorsorge und strategische Handlungsfähigkeit begreift.
Ob openDesk langfristig Microsoft 365 in der gesamten Bundesverwaltung ersetzt, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Mit diesem Programm schafft die Schweiz eine echte Exit‑Option – und damit mehr Unabhängigkeit in einer unsicheren geopolitischen und technologischen Lage.
Quellen:
Der Bundesrat
IT-Markt
SRF
IT’s FOSS
Titelbild: Image by www.slon.pics on Magnific

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