Wenn man zum ersten Mal von Linux hört, stolpert man fast immer über dieselbe Frage: „Das ist doch dieses kostenlose Betriebssystem, oder?“ Und direkt danach kommt der skeptische Nachgedanke: „Kostenlos? Dann wird das ja wohl nicht viel taugen.“

Beides hört man ständig – und beide Annahmen greifen trotzdem viel zu kurz. Schauen wir uns an, was hinter dem Preis von 0 Euro steckt.

Die Lizenz, die den Preis erzwingt

Linux steht unter der GNU General Public License (GPL). Und diese Lizenz hat eine entscheidende Eigenschaft: Sie erlaubt nicht nur, dass Linux kostenlos weitergegeben wird – sie begünstigt es strukturell.

Das Grundprinzip der GPL: Wer die Software weitergibt, muss dem Empfänger dieselben Rechte einräumen, die man selbst hat. Dazu gehört der Zugang zum Quellcode sowie das Recht, ihn zu verändern und erneut weiterzugeben.

Das Interessante: Die GPL verbietet den Verkauf nicht. Man dürfte Linux völlig legal für 100 Euro anbieten. Aber der Käufer dürfte es anschließend kostenlos an alle Welt weiter verschenken. „Linux verkaufen“ ist damit kein Geschäftsmodell. Der Marktpreis pendelt sich zwangsläufig bei nahezu null ein.

Ein Hobby, das aus dem Ruder lief

Der zweite Teil der Antwort liegt in der Entstehungsgeschichte. 1991 kündigte ein finnischer Student namens Linus Torvalds sein Projekt in einer Newsgroup an – mit den bescheidenen Worten: „just a hobby, won’t be big and professional like gnu“. Nur ein Hobby. Wird nichts Großes.

Heute läuft dieser „Hobby-Kernel“ auf den meisten Servern der Welt, in jedem Android-Smartphone, in Routern, Smart-TVs, Autos und auf der Internationalen Raumstation.

Möglich wurde das durch eine globale Community: Tausende Entwickler arbeiten bis heute am Linux-Kernel – teils ehrenamtlich, teils im Auftrag ihrer Arbeitgeber. Denn Firmen wie Intel, Google, Red Hat und SUSE zahlen Mitarbeiter dafür, am Kernel mit zuentwickeln. Nicht aus Nächstenliebe, sondern aus klarem Eigeninteresse: Sie alle brauchen ein gutes, offenes Fundament für ihre Produkte und teilen sich die Kosten für die gemeinsame Basis.

Wer verdient denn nun an „gratis“?

Hier wird es für viele am überraschendsten: Linux ist alles andere als ein Wohltätigkeitsprojekt ohne Geschäftsmodell. Die Wertschöpfung findet nur eine Ebene höher statt.

GeschäftsmodellBeispiel
Enterprise-Support & WartungRed Hat (heute IBM) verkauft RHEL-Abos mit Support, Zertifizierungen und Garantien
Cloud-InfrastrukturAWS, Google Cloud und Azure laufen zu großen Teilen auf Linux-Systemen
Geräte & ProdukteAndroid, Router, Smart-TVs, Autos – Linux als unsichtbares Betriebssystem in Milliarden Geräten
Dienstleistungen rund um Open SourceConsulting, Schulungen, Migration, individuelle Entwicklung

Man könnte es so zusammenfassen: Das Betriebssystem ist die gemeinsame Infrastruktur – verdient wird an dem, was man darauf baut. Nicht anders, als wäre Linux eine Art digitaler öffentlicher Straßenbau, auf dem alle ihre Geschäfte eröffnen können.

„Kostenlos“ heißt also „nichts wert“?

Jetzt zur zweiten Frage – und hier lohnt sich ein ehrlicher Blick, ohne Werbetrommel.
Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die offene Entwicklung die Qualität eher befördert als mindert:

VorteilWas dahintersteckt
Viele Augen finden FehlerTausende Entwickler schauen in denselben Code – Schwachstellen werden oft gefunden, bevor sie Schaden anrichten
Schnelle SicherheitsupdatesOffen gelegte Sicherheitslücken werden häufig innerhalb von Stunden oder Tagen behoben
StabilitätLinux-Server laufen oft jahrelang ohne Neustart – ein Wert, den so manches kommerzielle Produkt vermissen lässt
Keine InteressenkonflikteKeine eingebaute Werbung, keine Zwangs-Telemetrie, keine geplante Obsoleszenz, um Neuverkäufe anzukurbeln

Die ehrliche Einschränkung gehört aber dazu: „Kostenlos“ bedeutet nicht automatisch „besser für jeden.“ Linux ist weniger ein Geschenk der Nächstenliebe als vielmehr „von anderen bezahlt“ – von Firmen, die an der gemeinsamen Basis verdienen. Und für Desktop-Einsteiger liegt die eigentliche Hürde nicht in der Qualität, sondern im Ökosystem: Spiele-Landschaft, manche Branchen-Software wie die Adobe-Produkte und gelegentlich fehlende Hardware-Treiber sind – bisher noch – die ehrlichen Schwachstellen.

Fazit

Linux ist kostenlos, weil die Lizenz es fast erzwingt und weil die echte Wertschöpfung woanders liegt: Bei Support, Cloud-Diensten und Geräten. Und es kann definitiv „was sein“ – es ist mit Abstand die am weitesten verbreitete Softwarefamilie der Welt. Wenn ein „kostenloses Hobby“ auf den meisten Servern, in rund sieben von zehn Smartphones und auf der ISS läuft, hat sich die Frage nach dem Wert eigentlich schon beantwortet.

Selbst ausprobieren?
Neugier kostet bekanntlich nichts. Bei Linux passt das dann auch zum Geschäftsmodell…

Titelbild: Image by rawpixel.com on Magnific

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