Raven for Linux ist ein neues Projekt, das Windows-Programme unter Linux installieren und ausführen kann – mit ihren eigenen Original-Installern, ganz ohne virtuelle Maschine. Das verspricht einen echten Fortschritt gegenüber Wine, bei dem Installer traditionell die meisten Probleme bereiten.
Eines vorweg, ganz deutlich:
Ich empfehle Raven derzeit nicht für den produktiven Einsatz. Es ist vielversprechend, aber noch zu unreif. Warum, erkläre ich im Folgenden.

Der Ansatz
Statt ein ganzes Windows zu emulieren, führt Raven die .exe direkt auf der CPU aus – in einem überwachten Gastprozess. Einfache Windows-Funktionen laufen im Prozess selbst, übergeordnete Aufgaben (Prozesse, Dateien, Registry) verwaltet eine Kontrollinstanz außerhalb, die den Zugriff auf das Linux-System vermittelt. Grafik läuft direkt über Wayland und Vulkan (DXVK, vkd3d-proton). Jede Anwendung lebt in einem eigenen „Präfix“ mit Schnappschuss-Mechanismus fürs Zurückrollen.
Die vom Projekt selbst gemessenen Benchmarks klingen beeindruckend: Programmstart in 0,04 s statt 3,70 s (Wine 11.0), Direct3D-11 mit 2.392 statt 1.819 fps. Das sind Selbstmessungen auf einem Rechner mit Software-Vulkan – also mit Vorsicht zu genießen, aber die Richtung stimmt: Hier entsteht potenziell etwas Schnelleres als der Status quo.
Weitere Infos erhalten Sie direkt auf der Projektseite.
Die Schwächen
- Die Kompatibilität ist schlicht noch nicht da. Die Projektseite sagt es selbst: „Compatibility is still in development.“ Getestete Anwendungen laufen – alles andere ist Lotterie. Ein Kompatibilitätslayer ist aber nur so gut wie die Anzahl der Programme, die zuverlässig damit laufen.
- Snapshots sind unzuverlässig. Das eigentlich starke Rollback-Argument wird gleich mitgewarnt: „Snapshot creation can fail.“ Ein Sicherheitsnetz, das man vorab manuell prüfen muss, ist in der Praxis keins.
- Die Installation ist nichts für Anfänger. Der offizielle Einstieg in die Doku lautet: „Build Raven on your machine.“ Kein Installer, keine Distributionspakete – Raven muss selbst kompiliert werden. Dazu Terminal-Steuerung per Umgebungsvariable (RAVEN_PREFIX), von Hand verwaltete Präfixe, keine Wiederverwendung von Wine-Präfixen. Wine dagegen kommt über die Paketverwaltung, Bottles und Lutris bieten grafische Oberflächen. Hier sind eindeutig erfahrene Linux-Nutzer angesprochen, nicht Umsteiger.
- Wenige Praxisbelege. Die Benchmarks drehen sich um synthetische Tests und Nischen-Anwendungen (ClassiCube, Notepad++, SQLite). Wie Raven mit der Software abschneidet, die Menschen tatsächlich brauchen – Office, Adobe, aktuelle Games –, dazu gibt es keine belastbaren Daten.
- Junges Projekt, junges Risiko, kein Ökosystem. Raven ändert sich schnell, Präfixe können nach Updates brechen. Wine hat Jahrzehnte an Werkzeugen (Bottles, Lutris, Proton), Kompatibilitätsdatenbanken und Community-Support. Raven hat nichts davon – verständlich für das Alter, aber es zählt bei einer Empfehlung.
Fazit
Raven for Linux ist ein interessantes Projekt, das man im Auge behalten sollte: Cleverer technischer Ansatz, starke Performance-Ziele, und die Ehrlichkeit der Projektseite bei den eigenen Schwächen spricht für die Macher. Ich werde es weiter beobachten.
Sobald Raven breitere, dokumentierte Anwendungskompatibilität und verlässliche Rollbacks vorweisen kann, ziehe ich das hier nach. Bis dahin: Neugierig bleiben, aber die produktiven Systeme nicht anfassen.
Persönliches Schlusswort – Der Weg, den ich bevorzuge
Ganz unabhängig von Ravens Reifegrad bin ich ohnehin kein Freund davon, Windows-Software unter Linux auszuführen – egal ob über Wine, Raven oder eine VM. Kompatibilitätslayer bleiben Flickwerk: Sie jagen Windows-Fehlern hinterher und brechen mit jedem Windows-Update aufs Neue. Vielversprechender und zielführender finde ich daher Ansätze wie das ArtCraft-Projekt, das sein Open-Source-Portfolio um freie Office-Werkzeuge erweitert: Mit WordCraft, GridCraft und DeckCraft werden nativ unter Linux laufende, in Rust geschriebene Programme angeboten, die die vertraute Arbeitsweise von Word, Excel und PowerPoint nachbilden – als quelloffene „Clean-Room-Reimplementierungen“ mit DOCX-, XLSX- und PPTX-Unterstützung. Das ist aus meiner Sicht die sauberere Lösung: Echte Linux-Software statt emuliertes Windows, die man einfach installieren und nutzen kann.
Noch stecken die Anwendungen zwar in Alpha-Stadien, aber sie bauen etwas Neues auf, statt Altes nachzujagen – und genau in diese Richtung sollte sich der Linux-Desktop meiner Meinung nach entwickeln.
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