Kaum ein Open-Source-Projekt hat in diesem Jahr so viel Aufmerksamkeit erhalten wie Euro-Office. Das im März 2026 in Berlin vorgestellte und von einem Konsortium europäischer Technologieunternehmen – allen voran Nextcloud und IONOS, daneben unter anderem Proton, OpenProject, XWiki und Abilian – getragene Büro-Paket ist ein Fork von OnlyOffice und verfolgt ein erklärtes Ziel: Die Unabhängigkeit europäischer Verwaltungen und Unternehmen von Microsoft Office. Nachdem am 9. Juni 2026 zunächst der DocumentServer, also die Browser-Engine für kollaboratives Arbeiten, als stabile Version 1.0 erschien, war die Desktop-Anwendung lange Zeit das fehlende Puzzleteil. Mit der Desktop-Editors-Version 9.3.6 vom 22. Oktober 2026 ist dieses Stück nun nachgereicht. Der Blick auf den aktuellen Stand lohnt sich, besonders für Linux-Nutzer

Die Versionsnummer täuscht übrigens: Sie dokumentiert keine neunjährige Eigenentwicklung, sondern wird vom OnlyOffice-Code geerbt, von dem der Fork abstammt. Die Arbeit dahinter ist dennoch eigenständig – das Konsortium hat die Codebasis bereinigt und veröffentlicht sie unter einer reinen AGPLv3, ohne die umstrittenen Zusatzklauseln des ursprünglichen Entwicklers Ascensio System SIA (TechSpot).
Entwicklungsstand: Ein junger Fork mit raschem Tempo
Die Desktop-Editors sind in wenigen Monaten von einem nachgelagerten Repository zu einem vollwertigen Bestandteil des Euro-Office-Ökosystems gereift. Die Release-Historie auf GitHub zeigt einen eng getakteten Zyklus: Nach v9.3.5-2 vom 9. Oktober folgte am 20. Oktober die Release-Kandidat v9.3.6-rc.1, und nur zwei Tage später die finale v9.3.6 – mit insgesamt 15 ausgelieferten Binärpaketen für Windows, macOS und Linux, jeweils mit SHA256-Prüfsummen und signierten Commits.

Funktional deckt die Suite das ab, was von OnlyOffice bekannt ist: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationen, ein PDF-Editor inklusive ausfüllbarer Formulare, ein Diagramm-Viewer, digitale Signaturen und Vollkompatibilität zu den Office-Open-XML-Formaten DOCX, XLSX und PPTX. Cloud-Anbindungen an Nextcloud, ownCloud, Seafile, kDrive, Moodle oder Liferay ermöglichen kollaboratives Arbeiten, die Oberfläche ist in 46 Sprachen verfügbar, darunter selbstverständlich Deutsch. Angesichts des Alters des Projekts ist dieser Funktionsumfang beachtlich. Er ist freilich auch das Erbe des eingesessenen OnlyOffice-Code, auf dem rund 98 Prozent der Entwicklung bislang aus russischen Zeitzonen stammten, wie Kritiker anmerken.
Installation unter Linux
Auf der GitHUb-Projektseite finden Sie zum einem für Debian und darauf basierenden Distributionen DEB-Installationspakete sowie RPM-Files für Fedora, openSUSE usw.
Konfliktstoff und offene Fragen
Der Zwischenbericht wäre unvollständig ohne einen Blick auf die Begleitmusik. Kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Konflikt mit Ascensio System SIA, das Euro-Office zunächst massive Urheberrechts- und Lizenzverletzungen vorwarf, weil die umstrittenen Zusatzbedingungen aus der AGPLv3 entfernt worden waren. Einen Monat später ruderte Ascensio zurück und bekannte sich zum Recht auf Forks von Open-Source-Software, solange die Herkunft für Nutzer erkennbar bleibt (Wikipedia, TechSpot). Diese Entspannung ist gut für das Projekt – die Grundfrage bleibt aber: Euro-Office führt weiterhin Änderungen aus dem OnlyOffice-Upstream fort – eine echte europäische Code-Hoheit entsteht erst mit wachsender eigener Beitragsbasis.
Die zweite offene Flanke ist das Dateiformat. Euro-Office setzt primär auf Microsofts OOXML, was dem Deutschland-Stack widerspricht, der ODF und PDF/UA vorschreibt. Die Document Foundation wies im Juni in einem offenen Brief darauf hin, dass eine auf OOXML gebaute „Souveränität“ weiterhin Kontrolle in US-amerikanische Hände gebe. Frank Karlitschek kündigte daraufhin an, die vollständige ODF-Unterstützung stehe bei der nächsten Entwicklungsrunde ganz oben auf der Agenda (Wikipedia). Wie schnell dieses Versprechen bei den Desktop-Editors ankommt, wird sich zeigen.
Fazit
Auch wenn die Desktop-Editors erst wenige Monate alt sind, präsentieren sie sich heute schon erstaunlich erwachsen. Die Linux-Unterstützung ist mit signierten APT- und DNF-Paketen, RPM-Paketen, Tar.xz-Archiven für x86_64 und ARM sowie einer nachvollziehbaren Docker-basierten Build-Umgebung besser dokumentiert, als man es von einem Projekt in diesem Stadium erwarten würde. Der Entwicklungsrhythmus ist ambitioniert, die Release-Praxis diszipliniert. Von der Vorabversion zur finalen Ausgabe vergingen diesmal gerade einmal zwei Tage. Wer eine quelloffene, interoperable und lokal lauffähige Office-Suite sucht, die zudem europäisch getragen wird, findet in Euro-Office Desktop Editors heute bereits ein gut nutzbares Werkzeug. Wenn das Projekt die versprochene ODF-Unterstützung zügig nachliefert und die eigene Entwicklerbasis weiter verbreitert, dürfte aus dem viel beachteten Zwischenstand mehr als nur eine Fußnote der Open-Source-Geschichte werden.

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