Ein kleines Transportunternehmen aus der Provinz Bergamo hat es vorgemacht: Fünf Arbeitsplätze, ein Wochenende Zeit und danach keine Lizenzkosten mehr. Die Migration von proprietärer Software zu Linux und Open Source zeigt, dass der Umstieg im Mittelstand nicht nur möglich, sondern wirtschaftlich attraktiv ist.

Ausgangslage und Bestandsaufnahme

Das Logistikunternehmen in Mapello bei Bergamo arbeitete mit fünf Windows-Workstations, einer lizenzpflichtigen Office-Suite und jährlich zu erneuerndem Virenschutz. Die Fahrer kommunizierten über WhatsApp auf privaten Smartphones mit dem Büro – ohne Archivierung und Administration. Über zwei Jahre hinweg waren acht bis zehn externe IT-Einsätze nötig, wegen Update-Problemen, Leistungseinbrüchen und gelegentlichen Sicherheitsvorfällen.

Mišo Oroz, Gründer des auf Linux-Migrationen spezialisierten IT-Dienstleisters Zerolock aus Spirano, analysierte vor dem Wechsel sorgfältig die tatsächlichen Arbeitsabläufe. Das Ergebnis fiel übersichtlich aus: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, E-Mail, gemeinsames Dateisystem und gelegentlicher Fernzugriff. Branchen-spezifische proprietäre Software, die den Umstieg erschwert hätte, gab es nicht.

Die neue Infrastruktur – Open Source statt Lizenzgebühren

Alle fünf Büro-Workstations erhielten Kubuntu 26.04 LTS als Betriebssystem, LibreOffice ersetzte die kommerzielle Office-Suite, Thunderbird übernahm den E-Mail-Verkehr. Anstelle des lokalen gemeinsam genutzten Ordners wurde Nextcloud auf einem physisch in Italien gehosteten Server installiert. Für die interne Kommunikation kam Mattermost zum Einsatz – ebenfalls auf der italienischen Infrastruktur und über Mobile-App auf den Smartphones der Fahrer verfügbar.

Als Firewall diente pfSense, verschlüsselte automatisierte Backups laufen nächtlich. Für den Fernzugriff wurde RustDesk über einen selbst gehosteten VPS bereitgestellt. Diese Konfiguration löste eine spezifische Herausforderung von Kubuntu 26: Das System nutzt standardmäßig Wayland, womit viele Remote-Desktop-Tools Kompatibilitätsprobleme haben. RustDesk über einen selbst gehosteten Relay-Server erwies sich als konsistent funktionierende Lösung.

Gesamte wiederkehrende Lizenzkosten nach der Migration: Null.

Die Migration – Ein Wochenende, ein Neuanfang

Alles wurde zunächst auf einem separaten Testrechner aufgebaut und validiert. Die eigentliche Migration fand an einem Wochenende statt. Jede Workstation wurde von Grund auf mit einer sauberen Kubuntu-Installation neu aufgesetzt. Die Daten wurden bereits vor dem Wochenende vom bestehenden gemeinsamen Ordner auf Nextcloud über das lokale Netzwerk migriert. Die Fahrer erhielten die Mattermost-App auf ihren Smartphones mit bereits konfigurierter Einstellung.

Am darauf folgenden Montag war Oroz für die ersten drei Arbeitstage vor Ort und für den Rest der Woche telefonisch erreichbar. Jeder Mitarbeiter erhielt eine individuelle Schulung auf den Tools, die er tatsächlich nutzte. Dieser Teil des Projekts ist wenig glamourös, aber hier entscheiden sich Erfolg oder Scheitern einer Migration.

Knackpunkte – Drucker und Wayland

Zwei Dinge erzeugten Reibung. Der Drucker: Das Büro nutzt einen Epson WorkForce WF-C579R. Kubuntu 26.04 installierte automatisch einen treiberlosen IPP-Treiber, was Duplex-Probleme und langsamere Druckgeschwindigkeit verursachte. Die Lösung bestand darin, printer-driver-escpr via apt zu installieren und den korrekten Treiber mit lpadmin zu erzwingen. Für das Scannen in einen Netzwerkordner wurde Samba auf jeder Verwaltungs-Workstation eingerichtet.

Die zweite Hürde war das Wayland-Remote-Access-Setup. Kubuntu 26 erforderte einen anderen Ansatz für den Fernzugriff als ältere Linux-Systeme. Das Testen verschiedener Konfigurationen kostete zusätzliche Zeit, bevor die RustDesk- und selbst gehostete VPS-Lösung gefunden wurde, die seither zuverlässig funktioniert.

Die Eingewöhnungszeit für das Büropersonal war einfacher als erwartet. Die Fahrer passten sich am schnellsten an – innerhalb von ein bis zwei Tagen fühlte sich die neue App normal an.

Sechs Monate später – Die Bilanz

Sechs Monate nach der Migration hat das Unternehmen keinen einzigen gewöhnlichen technischen Vorfall mehr gemeldet. Der Bootvorgang ist schnell, Hintergrundprozesse konkurrieren während der Arbeitsstunden nicht um CPU-Zeit, und Updates laufen nachts. Lizenzkosten für Betriebssystem, Office-Suite und Antivirus sind entfallen. Der Nextcloud-Server kostet monatlich weniger als die vorherige Speicherlösung.

Die Fahrer verfügen nun über einen ordentlichen Arbeitskommunikationskanal, der administriert, archiviert und vollständig von ihren privaten Handys getrennt ist. Das Endergebnis: eine pro Mitarbeiter und Tag gewonnene Arbeitsstunde, null gewöhnliche technische Vorfälle nach der Migration, null wiederkehrende Lizenzkosten.

Linux im italienischen Mittelstand und darüber hinaus

Die Geschichte aus Bergamo reiht sich ein in eine wachsende Zahl erfolgreicher Linux-Migrationen in Italien und Europa. Das italienische Verteidigungsministerium migrierte rund 150.000 Arbeitsplätze zu LibreOffice – ein Projekt, das unter dem Namen LibreDifesa bekannt ist. Auch das europäische Kernforschungszentrum CERN plant die Migration von über 2.200 Steuerungssystemen auf Debian 13.

Für kleine und mittlere Unternehmen zeigt das Beispiel aus Mapello: Man muss nicht den gesamten Weg auf einmal gehen. Der Wechsel der Office-Suite zu LibreOffice und der Datenformate zu ODF reduziert die Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter signifikant.

Fazit – Linux als wirtschaftliche und technische Alternative

Die Migration des Logistikunternehmens in der Provinz Bergamo demonstriert eindrucksvoll, dass der Umstieg auf Linux und Open Source im Mittelstand nicht nur technisch machbar, sondern wirtschaftlich sinnvoll ist. Entscheidend für den Erfolg waren die sorgfältige Bestandsaufnahme, der Aufbau auf einem separaten Testsystem, die Migration an einem Wochenende und die intensive Betreuung in den ersten Tagen vor Ort.

Für andere kleine und mittlere Unternehmen, die mit ähnlichen Herausforderungen kämpfen, bietet diese Geschichte eine ermutigende Blaupause. Linux ist keine Philosophie, sondern ein Werkzeug. Und in diesem Fall hat es einem Logistikunternehmen geholfen, eine Stunde pro Tag und Mitarbeiter zurückzugewinnen, Lizenzkosten auf null zu reduzieren und die digitale Souveränität zurückzugewinnen.

Titelbild: Image by magnific

Quellen:
Zerolock, Bergamo, Italia
IT’s FOSS

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