Xfce 4.22 ist die kommende stabile Version des schlanken Linux-Desktops – und steht vor allem für einen wichtigen Übergang: Die in Xfce 4.20 begonnene, experimentelle Wayland-Unterstützung soll weiter stabilisiert werden. Der zentrale Baustein dabei ist xfwl4, ein neu entwickelter Wayland-Compositor, der langfristig die Rolle des X11-Fenstermanagers xfwm4 übernehmen soll. Ein fertiges, vollständig funktionsgleiches Wayland-Xfce ist damit jedoch noch nicht zu erwarten.

Der Stand der Dinge

Die aktuell stabile Xfce-Version ist weiterhin 4.20, die im Dezember 2024 erschien und Wayland zunächst als experimentelle Option einführte. Xfce betont ausdrücklich, dass es keinen festen Veröffentlichungsrhythmus gibt: Neue Versionen erscheinen, wenn definierte Entwicklungsziele erreicht sind; einen verbindlichen Termin für 4.22 nennt das Projekt deshalb nicht.

Die Entwicklungsarbeit konzentriert sich derzeit auf die Stabilisierung der Wayland-Komponenten. In der offiziellen Roadmap wird Xfce 4.22 als nächste Stufe dieses Prozesses beschrieben – nicht als Versprechen, dass Wayland nun in jeder Hinsicht mit X11 gleichzieht.

xfwl4: Das Herzstück der Entwicklung

Der wichtigste technische Fortschritt ist xfwl4, Xfce eigener Wayland-Compositor. Er soll die Aufgaben von xfwm4 unter Wayland übernehmen: Fenster platzieren, Dekorationen zeichnen, Tastenkombinationen verarbeiten, Arbeitsflächen verwalten und die typische Xfce-Desktop-Erfahrung bereitstellen.

Anders als viele andere Xfce-Bausteine wird xfwl4 nicht aus dem bestehenden xfwm4-Code abgeleitet. Der Entwickler Brian Tarricone erklärt, dass eine entsprechende Umgestaltung von xfwm4 als zu riskant und aufwendig eingeschätzt wurde: Die enge Verzahnung des Fenstermanagers mit GTK, GLib und X11-spezifischen Abläufen hätte umfangreiche Änderungen und wahrscheinlich viele Regressionen bedeutet.

Deshalb entsteht xfwl4 von Grund auf in Rust und nutzt Bausteine des Smithay-Projekts. Rust soll insbesondere Speicherfehler und Datenrennen vermeiden helfen; zugleich bleibt Xfce insgesamt ein C-basiertes Projekt. Eine umfassende Umstellung des Desktops auf Rust ist ausdrücklich nicht geplant.

Erste Vorschauen sind da

Die Entwicklung hat inzwischen sichtbare Ergebnisse: Eine erste Vorschau von xfwl4 erschien am 21. Juni 2026, eine zweite am 10. August 2026 unter der Versionsnummer 4.21.1. Das sind Entwicklungs- und Testversionen, keine stabilen Veröffentlichungen.

Zwischen erster und zweiter Vorschau wurden zahlreiche Fehler behoben und neue Funktionen ergänzt. Dennoch bleibt die Einordnung klar: xfwl4 befindet sich noch in einem frühen Stadium und ist nicht als verlässlicher Ersatz für eine X11-Sitzung mit xfwm4 gedacht.

Interessant ist der Anspruch hinter dem Projekt: xfwl4 soll sich nach Möglichkeit genau wie Xfce unter X11 anfühlen. Bestehende xfwm4-Einstellungen und Konfigurationsdialoge sollen möglichst wiederverwendet werden, damit Nutzer später nicht alles neu einrichten müssen.

Was unter Wayland schon funktioniert

Die Wayland-Arbeit betrifft nicht allein den Compositor. Zahlreiche zentrale Xfce-Komponenten wurden bereits für Wayland angepasst oder unterstützt beide Anzeigeserver. Dazu zählen unter anderem der Dateimanager Thunar, die Panel-Leiste, der Desktop xfdesktop, die Systemeinstellungen, der Anwendungsstarter, das Terminal sowie weitere Standardanwendungen.

Auch viele Panel-Plugins sind grundsätzlich Wayland-tauglich, etwa Whisker Menu, PulseAudio, Systemlast, Sensoren, Orte, Notizen und die Zwischenablageverwaltung. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Funktion bereits identisch funktioniert; einzelne Plugins haben weiterhin bekannte Einschränkungen.

Auch bei der Energieverwaltung gab es Fortschritte: Funktionen zur Erkennung von Inaktivität und zur Abschaltung des Bildschirms wurden über moderne Wayland-Protokolle wiederhergestellt.

Was noch fehlt

Der Weg zu einer Wayland-Sitzung, die sich vollständig wie das gewohnte Xfce anfühlt, ist noch weit. Besonders spürbar sind Lücken bei klassischen Desktop-Funktionen: Arbeitsflächenverwaltung, Fensterlisten, Symbole minimierter Fenster auf dem Schreibtisch, Pager-Vorschauen sowie einige Fenstermanagement-Aktionen sind unter Wayland noch nicht vollständig verfügbar.

Auch die Wiederherstellung von Fensterpositionen und Arbeitsflächen nach einem Neustart, bestimmte Maus- und Touchpad-Einstellungen sowie einige Tastenkürzel zum Wechsel zwischen Fenstern und Anwendungen gehören derzeit noch zu den offenen Punkten.

Bei xfwl4 selbst stehen zudem Funktionen wie eine vollständige Arbeitsflächenverwaltung, erweiterte Bildschirmränder und ein Teil der Tastatureinstellungen noch aus. HDR wird anfangs ebenfalls nicht unterstützt.

X11 bleibt erhalten

Ein häufiges Missverständnis betrifft die Zukunft von X11: Xfce plant derzeit kein Ende der X11-Unterstützung. xfwm4 bleibt der Fenstermanager für X11-Sitzungen, und Xfce soll auch künftig vollständig unter X11 laufen.

Das Projekt verfolgt damit einen vorsichtigeren Kurs als manche andere Desktop-Umgebungen. Statt X11 abrupt abzulösen, entstehen X11- und Wayland-Pfade parallel: xfwm4 dient weiterhin der bewährten X11-Welt, während xfwl4 schrittweise eine native Wayland-Alternative aufbaut.

Für Nutzer älterer Hardware, besonderer Peripherie oder proprietärer Grafiktreiber ist das eine wichtige Nachricht. Gerade der Umstieg auf Wayland kann bei bestimmten Treibern, Eingabegeräten oder Arbeitsabläufen weiterhin Probleme verursachen – Xfce nimmt sich damit bewusst Zeit.

Was für 4.22 realistisch zu erwarten ist

Xfce 4.22 dürfte daher weniger ein Release mit auffälligen neuen Desktop-Funktionen sein als ein Stabilisierungsrelease für Wayland. Erwartbar sind weitere Verbesserungen an den bereits portierten Komponenten, Fehlerkorrekturen und ein reiferer Stand von xfwl4.

Ob xfwl4 zum Zeitpunkt von 4.22 bereits als offiziell nutzbare Komponente ausgeliefert wird, ist derzeit nicht endgültig festgelegt. Äußerungen aus dem Xfce-Umfeld deuten darauf hin, dass eine öffentliche Beta später im Jahr möglich, eine fertige Integration in 4.22 aber nicht zwingend erwartet wird.

Für Anwender bedeutet das: Xfce 4.22 wird Wayland interessanter machen, ersetzt X11 aber nicht. Wer Wert auf einen stabilen, wartungsarmen Desktop legt, wird voraussichtlich auch nach dem Erscheinen von 4.22 zunächst bei X11 bleiben wollen. Wer Wayland testen möchte, sollte das auf einem separaten System oder in einer virtuellen Maschine tun.

Fazit

Xfce 4.22 steht für einen wichtigen, aber behutsamen Technologieschritt. Mit xfwl4 entsteht erstmals ein eigener, konsequent auf Wayland ausgerichteter Compositor für Xfce – geschrieben in Rust und mit dem Ziel, das vertraute Verhalten von xfwm4 möglichst genau nachzubilden.

Gleichzeitig zeigt der aktuelle Stand, wie umfangreich dieser Übergang ist. Viele Anwendungen und Panel-Module funktionieren bereits unter Wayland, doch Fenstermanagement, Arbeitsflächen, Energieverwaltung und einige Einstellungsbereiche sind noch nicht auf dem Niveau der X11-Sitzung.

Xfce bleibt damit ein bemerkenswert pragmatisches Projekt: Wayland wird ernsthaft vorangetrieben, ohne X11-Nutzer zu drängen. Die kommende Version 4.22 dürfte vor allem den Grundstein für eine zuverlässigere Wayland-Zukunft legen – während X11 voraussichtlich noch lange eine vollwertige und gepflegte Option bleibt.

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